Charlotte Ritzow, 2013

Ich habe den Reißverschluss für meine Bilder als Symbol oder Metapher des Alltags gewählt.

Der Reißverschluss öffnet und schließt, wie ein Blitz, und startet seinen Spurt um dann wieder an sein Ziel zu gelangen. Er beginnt und endet, wie ein Dialog, Hoffnung, Liebe und Leben.

Er wird  geöffnet und offenbart, oder eingeengt und versteckt. Die Offenbarung fördert die Wahrheit : er Schließt die Simulation, Verleugnung und den Verrat an der Aufrichtigkeit.

Der Reißverschluss, im Guten und im Bösen, gehört zum Alltag, er gehört zu jedem von uns, zu all unseren Seiten die vom Leben geschrieben sind, die einfachsten und die schwierigsten unserer Existenz.

Das Scharnier hält unsere persönlichen Beziehungen und Neigungen, verstärkt Gespräche, Solidarität und Freundschaft, Vertrauen und Zukunft. Es öffnet sich wie ein Horizont von Bildern und schließt sich wie eine Schatulle des Schweigens. Es kann mit der Absolutheit einer "Idee, der Erinnerung, der Vorstellungskraft, Bewusstsein und Innerlichkeit übersetzt werden. Man könnte sogar denken, dass das Scharnier ein Portrait ist von dem sozialen und moralischen  eines Individuums und seiner Seele. Es ist ein einfaches Ding, aber es hat tausend Seiten zu lesen und deshalb finde ich es faszinierend. Aber gleichzeitig, im Gegenteil versteckt es die Wirklichkeit, verweigert das Gespräch, erhebt Grenzen,  Barrieren, bewacht oder verweigert Orte und entfernt die Prospektive.

Charlotte Ritzow 

Zipper Story von Sara Send, 2012 

Damals wusste ich‘s nicht

Aufgewachsen bin ich hinter der Mauer. Die von Ostberlin.

Es war keine unglückliche Kindheit. Wir waren nicht „Crianças de Rua“.

meine Eltern waren Ärzte, also die gutlebende Klasse und abgesehen von der schulischen Indoktrination spielten wir, lachten, weinten und aßen wie die meisten Kinder des Westens.

Mit der Pubertät begann die Mauer auf meinen Schultern des Mädchens , welche neugierig auf die Dinge der Welt war, zu lasten. Zu viele Dinge wurden filtriert, die Musik zum Beispiel! Wie gerne wäre ich zu einem Konzert von Tina Turner gegangen! Aber da war die Mauer!

Ich wünschte mir, dass es zumindest ein Guckloch, oder besser eine klaffende Wunde, noch besser ein Reissverschluss zu öffnen wäre, welchen ich nach Lust und Laune auf und zumachen konnte oder auch verstecken. Je nachdem ich wollte.

Die Mauer fiel und ich vergass den Reissverschluss. Seitdem - es ist schon über 20 Jahre her - bin ich viel gereist, vor allem in Europa , und ich traf auf 1000 andere Mauern.

Um Gottes Willen! keine „Vopos“, kein „Achtung - Halt.“ ! Kein Stahlbeton, aber oft unverständliche Worte. Keine koerperliche Angst, aber doch psychologische Konditionierung. Vor allem die gleichen Täuschungen:

ideologische, psychologische, moralische. Die gleiche Heuchelei, Dieselbe sklavische Zustimmung, Verschlimmert durch die Abwesenheit von Staatssicherheit.

Der Wunsch, der Wille besser kennen zu lernen, zu verstehen, zu konfrontieren, akzeptiert als auch abgelehnt zu werden, all das war oft an einer Mauer gebrochen worden. Eine Mauer weniger grau als die erste und oft bunt, hell, beruhigt

und sicher sich fuehlend in einer scheinbaren freien Wohlstandsgesellschaft.

Zumindest in der kollektiven Vorstellung.

So sind die Reissverschluesse wiedergekehrt. Zum öffnen und zum offen lassen,

zum fast zumachen um flüchtige Blicke zu erlauben, zum hinein schmulen,

Und zum definitiven Schliessen von mehr oder weniger unnötig begangenen Strassen.

Damals wusste ich‘s nicht. Jetzt weiß ich, aber ich weiß noch nicht, was ich weiß.

Sara Send

Konzept-Objekt von  Paolo Avanzi 2008

Charlotte Ritzow wurde am 05 marzo1971 in Berlin geboren.

Nach der anfänglichen traditionellen figurativen Malerei wandelte Sie dann zu einem figurativ-informellen, was an sich schon binomisch ist, wenn nicht selten, schwer zu konzeptionieren und gar zu verwirklichen.

Kritiker wie Alessio Calestani und Paolo Levi haben mit Begeisterung über sie geschrieben. 

Dutzende Ihrer Werke wurden in den wichtigsten italienischen Auktionshäuser versteigert.

Der Künstlerin ist es gelungen mit einer Wucht von Energie und insbesondere Ihrer Technik wegen, die Grenzen des einzelnen dargestellten Objekts zu überschreiten. In der Tat, eher als ein Objekt handelt es sich um ein Konzept-Objekt.

Und das gerade ist Ihre Fähigkeit: aus einem einfachen Element lässt sie unzählige Anspielungen und Reflexionen entstehen, welche sich vermehren bis sie zu einem wirklichen Mikrokosmos werden.

Es handelt sich um zwei Konzepte-Objekte welche ihre Produktion monopolisieren, zumindest jene rezente: der Schlüssel und der Reißverschluss.

Objekte, die eine Nachricht zum Ausdruck bringen, dessen ein Gegenteil enthält: das Öffnen und Schließen.

Anspielungen und Illusionen gerade jene die beitragen, den bildliche Rahmen durch rare und präzise Intelligenz zu überdecken.

Was die Reißverschlüsse anbetrifft handelt es sich um einen ähnlichen Mechanismus.

In diesem Fall wird jedoch, übernimmt sie insbesondere die Richtung der Grenze in einer fast suspendierten, unbestimmten Atmosphäre,.

Der Zipper, der  unbewusst Bezug auf Fontana’s Schnitte nimmt, öffnet und schließt zugleich Domänen, die, obwohl klar definiert, nicht unseren unseren Augen entweichen, im Gegenteil, sie erhöhen, ihre Unaussprechlichkeit.

In welche Weiten wagen wir uns? Was verlassen wir? Was ist die Zukunft, die uns erwartet? Dies sind jene Fragen, welche im Beobachten der Malerei Charlotte Ritzow’s geweckt werden. Fragen, die sich durch die Kraft der Einfachheit derjenigen auferlegen, derer ihre eigene sehr wohl bewussten Weg beschreiten fuer alles was die Menschheit braucht.

Paolo Avanzi

Alices Rückkehr Paolo Levi, 1999

Das künstlerische Ereignis Charlotte Ritzow's ist ziemlich jung, ich möchte aber empfehlen, ihre Werke nicht nur oberflächlich, da es sich um eine junge Künstlerin handelt und da deshalb der Fehler begangen werden könnte, sie als Lehrling anzusehen, zu betrachten.

Ihr poetischer Ausdruck beruht nämlich auf einer experimentellen Tätigkeit, die sie in ihrem Herkunftsland, Deutschland, wo sie studiert und die Kunst der Farbenpalette gründlich wahrgenommen hat, gelernt hat.

Die Arbeit in Italien, also unter anderen örtlichen Verhältnissen, offenbart, dass in ihren Werken kultivierte Momente –das sind die in denen sie den Vorschriften des „Berufes“ der schönen Malkunst folgt- und Momente einer zauberhaften und ausdruckskräftigen Dimension, aufeinanderfolgen.

Charlotte Ritzow ist eine freie, europäische Kunstmalerin.

Sie zeigt in ihren sinnbildlichen Darstellungen keine expressionistische nordische Sehnsucht. Ihre Werke haben einen ganz typischen, sonnigen, mittelländischen Inhalt.

Die Verwirklichung des Werkes „Strand“, bringt die Arbeit einer geschickten Malerin, die ihren Gedanken mit der Fröhlichkeit der Materie gekonnt verbindet, in den Vordergrund. Es ist ein strahlendes Werk: Das weiße Segel am Horizont ist ein Zeichen des Lichtes, das die Leinwand abstrakt mit veränderlichem Blau und Hellblau überflutet.

Diese junge Dame der Farbenpalette neigt besonders zu einer Kunst der bildenden, informellen Vision, mit einem Empfindungsvermögen dass sich Erinnerungen und unbewussten Empfindungen, die gepriesen werden, zuwendet.

Ihre erste Bildungsumgebung war die der Klassenzimmer der Kunstschulen ihn ihrem Land und man kann sich vorstellen, dass sie ihre Neigung, die Sichten ihrer Träume zu berücksichtigen und sich diesen durch die Schönheit der Malkunst zu widmen, nicht vergessen hat.

Charlotte Ritzow hat die Gabe durch jedes Bild die größte Klarheit, durch Formulierung der Bedeutungen, die eine starke und kreative Personalität bestätigen, zu erhalten.

Das ist der Fall des eindrucksvollen Bildes „Sonnenuntergang“, mit seiner gebieterischen Schönheit der Darstellung. Unsere Malerin spürt die selben von Nicolas De Stael dargestellten Themen, die dauerhaft im Schloss von Antibes ausgestellt sind und ist sicherlich in der Lage die gleiche Sensibilität der aufgetragenen Farben durch langsame Grundierungen mit schwarzen, gelben, orangefarbenen waagerechten Varianten, wiederzugeben.

Die gleiche intimistische Anspielung löst und preist ihr Streben nach Märchen und nach Mythen einer ständig verwandelten Welt. Durch das Benutzen andeutender Farben beweist sie immer ein klares Gemüt, in dem sie mit der Vereinfachung spielt. Ihre, durch die Farbgebung vibrierende Marinen sind einzigartig und drücken gleichzeitig ein innerlich kontemplatives Gemüt aus.

Sie bestätigen ein starkes Bedürfnis nach Verherrlichung ihrer phantasievollen Persönlichkeit, so wie in „Einsamkeit“, wo ein weißes Segel –einsam- wehrlos, zwischen riesengroßen Wellen in einem blauen Meer mit leuchtenden Tönen, zu sich selbst sprechen scheint. Der breite malerische Strich bewegt sich, fröhlich, durch erwähnte Räume, die an einen kontrollierten Gefühlsschwung erinnern.

Die junge Malerin glaubt stark an ihren Beruf, den eines Erzählers abstrakter unsichtbarer Gefühle, die auf der Leinwand sichtbar werden. 

Ihr derzeitiges Glück als Künstlerin –und ich bin sicher das dieses auch in der Zukunft anhalten wird-, lebt durch eine vollständige Selbständigkeit, wenn man es mit den heutigen künstlerischen Strömungen der sogenannten „jungen Kunst“ vergleicht. Sie vermeidet nämlich die mediale Kunst, die Art Brut, den Konzeptualismus. Sie zieht es vor, sich mit Liebenswürdigkeit in eine versunkene, halbabstrakte Mondwelt, mit einer lyrisch darstellenden Andeutung, zu begeben Dies ist der Fall in „Der schwimmende Mond“; diese Darstellung, ist meines Erachtens nach, eine ihrer bedeutungsvollsten, in der die Farben, als sprachlicher Ausdruck, hervorgerufen werden. Es ist ein fortlaufendes Spielen der Töne und der Gegentöne, das reflektierte Gelb des Mondes verbindet sich mit dem variablen Türkisblau und einem Anthrazitschwarz. Der Sternehimmel ist eine lyrische Palette weißer Punkte, durch die Stille der Nacht angekündigt wird. Bei dieser Arbeit erkennen wir, mit wie vielen und welchen Verkleidungen man einen eigenen Traum darstellen kann. Charlotte Ritzow benutzt die sonderlichen, extravaganten Träume der Kindheit, die immer magische Erwartungen und lange Schleier trübsinniger Freude mit sich führen, dass ist der Fall des „Leuchtturms in Hiddensee“, auf dem ein breiter atonaler naphtol - karminroter Streifen, auf der unteren Seite eine Hooker –dunkelgrünen Landschaft, beherrscht.

Manchmal scheint es so, als würden ihre Angaben der Landschaft poetisch undefiniert zuzwinkern. Charlotte Ritzow ist wie ihre Bilder. Sie segelt einsam zwischen ihren Märchen und Mythen, dem warmen Glanz der Farben und der genauen Definition der chromatischen Verteilung, die Missverständnisse und Unordnung verhindert.

Mit der pantheistischen Darstellung der großen Eiche, in der starken Darstellung „Energy“, scheint das Bild der Natur, sich in einen Ausdruck der „fauve“ Stärke zu verwandeln und in einer fremden Umgebung –weit von der „echten“, fühlbaren, zu leben.

Es muss unterstrichen werden, dass Charlotte Ritzow einen besonderen Platz auf der malerischen Bühne der jungen europäischen Anwesenden besetzt. Sie ist weit von den irrationalen Flügen der neuen Fronten und von der Faulheit einer Darstellung, die keine Lust mehr dazu hat Augenblicke echter Dichtung zu erzählen, entfernt. Charlotte Ritzow ist, im Gegensatz dazu, eine Künstlerin die bis ins Extreme hin, ihre Art der Beschwörung des geträumten Traumes, der sich immer wieder auf der Leinwand erneuert, verteidigt.

Unser Auge kann ihre schöpferischen Improvisationen (siehe „Der Schwan“) und gleichzeitig die formelle Definition einer verzauberten Reinheit, wahrnehmen. Es ist schön, dass ihr Urteil über unsere Zeit so distanziert ist. Jede Darstellung lehnt die dramatischen Aspekte, die kleineren und größeren Ängste ab und stimmt die Welt ihrer Phantasie mit den Idealen eines Traumes der Zukunft, in dem eines Tages, -das hoffen wir wenigstens- der Frieden herrschen wird, ab.

Manchmal treffen wir figurative Blendwerke der Museumsmalerei Anfang ‘900 (siehe „Der Kuss“), die Charlotte Ritzow, wie eine Erschaffung -und Erneuerungslymphe, in sich hat.

Der Traum, der die Natur und den Menschen verwandelt ( manchmal wird ein Alptraum leicht ironisch dargestellt -ich denke an „Die Rache“), preist nicht mehr die Erzählung, durch figurative Bewegung und emblematische Starrheit, als vorzügliches übernatürliches Spiel.. Was stellen die Frauenfiguren die Charlotte Ritzow darstellt , außer der Leere der Existenz dar ? Was wird aus ihnen? Wenn sie in ihren Bildern auftreten, scheinen sie ein allarmiertes Verhalten anzunehmen, das den Betrachter leicht durch das theatralische, groteske Aussehen irritiert.

In Wirklichkeit ist, vor allem, das Meer, mit seinem blauen Himmel die wahre Bühne ihrer dichterischen Welt. Charlotte ist nämlich, eine Art Alice die fröhlich durch das Wunderland segelt.

Der geträumte Traum animiert ihre malerische Seite, die Stille und gleichzeitig Klang ausdrückt und immer auf märchenhafter Abstraktion landet. Die Abstraktion materialisiert sich bei ihr durch eine figurative Anspielung, mit atonaler Klangfarbe, durch die Helligkeit hervorgerufen wird.

Man muss diese strikte chromatische Partituren, die einen waagerechten, entschlossenen, geometrischen, betonten Strich haben, beachten.

Man darf nicht vergessen, dass jede ihrer Darstellungen eine Heiterkeit der Umstände, die in den Werken Nicholas de Stael typisch waren, Anblicke runder Monde und Symbole der ewigen Kindheit- so wie von Paul Klee zelebriert-, ausdrückt.

Charlotte Ritzow –und das bestätigt ihre Reife- erteilt wahrscheinlich dem Farbton mehr Bedeutung als dem Gegenstand, der ihr meistens fröhlich aus ihrem Herzen entspringt. Ihre hauptsächliche Geste ist der Farbe, als Modulation und Dichte, die sich singend auf der Oberfläche des Bildes verteilt, gewidmet. Der atonale Farbton, verbindet so einige genaue und breite Einsatzstücke eines warmen, eindrucksvollen Mosaiks und eines wunderschönen offenen Märchens, in dem unser Auge, ohne Labyrinthen der Sicht zu begegnen, verzaubert schweifen kann. 

Paolo Levi, 1999

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